Hülseberg

Stadt Osterholz-Scharmbeck

Kreislandwirt Stephan Warnken spricht auf dem 68. Hülseberger Erntefest

Nachstehend die Festrede von Stephan Warnken:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Erntefestkomitee,

Erntefeste werden in vielen Ortschaften im Landkreis gefeiert, mal größer, mal kleiner. Aber immer mit großem Engagement der Dorfbewohner, ohne die es nicht gehen könnte. Dafür meine Anerkennung.
Das Dorf als Gemeinschaft, heute wie früher, lässt sich noch klar erkennen. Man hält zusammen, feiert und hat Spaß.
In der Stadt zeichnet sich ein anderer Trend ab. Immer mehr Menschen leben nebeneinander her und kennen sich gar nicht oder nur flüchtig. Nicht einmal die Gemeinschaft der Familie wird noch groß geschrieben, das zeigt die große Zahl an Single-Haushalten.
Aber nicht so hier in Hülseberg! Es werden drei Tage mit einem abwechslungsreichen Programm für Jung und Alt gefeiert.

Der Spaß in der Gemeinschaft ist mit kein Geld zu kaufen.

Wir begehen alle das Erntefest mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein Jahr ist vergangen, seit wir das letzte Mal „Danke“ gesagt haben für unsere Ernte. Es ist heutzutage wie auch früher nicht selbstverständlich, nach der Aussaat und Pflege auch zu ernten. Unser Landkreis war bisher noch ein sehr guter und sicherer Standort um Landwirtschaft zu betreiben. Einen Einblick, wie es sein kann, wenn es mal anders ist, haben wir im Sommer erlebt.
Was war anders an diesem Sommer? Es war nicht der heißeste Sommer, da war es in 2003 noch wärmer. Es waren die fehlenden Niederschläge, seit Mitte April hat es in Nordeuropa nicht nennenswert geregnet. Die schlechten Bedingungen im letzten Jahr mit der Nässe wurden noch übertroffen. Viele Felder konnten nicht optimal bestellt werden und bildeten eine schlechte Grundlage für eine gute Ernte. Es ist nicht der Sommer alleine, welcher für die schlechte Getreideernte verantwortlich ist.
Das Wetter ist eine unbekannte Größe in der landwirtschaftlichen Produktion, heute wie früher, nur eine Besonderheit gibt es dennoch. In der Vergangenheit ist in Extremsituationen der Preis der Erzeugnisse stark gestiegen, das zeigt sich nun nicht mehr. Darum ist ein Dürre-Hilfsprogramm von der Bundesregierung verabschiedet worden für Betriebe in Not. Kein Landwirt will dieses Geld freiwillig, besonders auch nicht die politische Diskussion um die Dürre, die selten gerecht und ehrlich geführt wird. Im Landkreis werden nur wenige eine Betroffenheit darstellen können. Gut so. Dennoch werden hohe Einkommensverluste zu verzeichnen sein. Zurückzuführen ist dieses auf den internationalen Handel mit Getreide und Nahrungsmitteln, was regionale Einflüsse nicht wiederspiegelt.
In der letzten Woche hat es nur mäßig, aber es hat geregnet.
Trotz solcher schlechten Bedingungen wurde geerntet.
In anderen Teilen der Welt ist es mitunter ganz anders:
Die sich immer mehr ausbreitenden Wüsten in Afrika, die zunehmenden Stürme in der Karibik und Naturkatastrophen auf anderen Kontinenten.
In solchen Gebieten wir oft gar nicht geerntet. Die Ernte des Jahres sind mitunter noch nicht der größte Verlust, wenn Haus, Hof und Leben in Gefahr geraten und sogar verloren werden.
Dankbar müssen wir Menschen in unserer Region sein – gibt es doch immer prall gefüllte Regale in den Einkaufsläden, die jederzeit nachgefüllt werden. Das ist normal für uns.
Die Preise für die Nahrungsmittel sind im Vergleich zu anderen Ländern verhältnismäßig günstig. Der deutsche Bürger gibt heutzutage nur noch 12 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus – Tendenz fallend!
Eines möchte ich aber unbedingt noch erwähnen: Der Umgang mit unseren Nahrungsmitteln hat sich grundlegend geändert, seit meiner Kindheit in den 70iger Jahren.
Der Qualitätsanspruch ist enorm hoch, Obst und Gemüse, das nicht der Norm entspricht, findet gar nicht erst den Weg in den Supermarkt. Wir kaufen meist viel zu große Mengen ein, dadurch wird auch viel zu viel weggeworfen. Jeder Bundesbürger wirft 89 kg Lebensmittel in den Müll.
Es wird immer mehr Fleisch konsumiert, welches mitunter günstiger als Gemüse angeboten wird. Heute ist Fleisch das Essen der Armen.
Da kommen mir erhebliche Bedenken. Ist unser Handeln richtig? Ich begrüße eine Aktion in Lilienthal von Schüler inszeniert, von der ich in der Zeitung gelesen habe, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Demo gegen Massentierhaltung. Es wird vieles hinterfragt werden müssen, aber die Landwirtschaft stellt sich einer ideologiefreien, ehrlichen Diskussion.
Vor dem Hintergrund, dass 800 Mio. Menschen nicht satt werden auf dieser Erde. Was denken diese Menschen in den Ländern der Not über uns, die so verschwenderisch mit Nahrungsmitteln umgehen? Wir können nichts dafür, dass wir in einer Region des Überflusses geboren wurden, aber wir können dankbar sein, und nicht alles immer als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Wenn jeder nur das nimmt, was er braucht und auch für ihn gesund ist, dann wäre schon vielen geholfen.
Wer ist verantwortlich für den Klimawandel und wen trifft er am stärksten?
Die Erzeugung der Nahrungsmittel obliegt der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft hat sich immer mit neuen Erkenntnissen weiterentwickelt und generiert immer einen gesicherten Ertrag. Das ist der Erfolg der modernen Landwirtschaft. Dem sollte man auch dankbar sein.
Das Wirtschaften der Landwirte hat unsere Kulturlandschaft entstehen lassen, durch Entwässerung und Urbarmachung ist sie immer weiter entwickelt worden. Alles wurde auf Ernte und Ertrag ausgerichtet, um die Familie zu ernähren. Nun soll es wieder eine Umkehr geben – immer mehr Schutzgebiete werden ausgewiesen, Moore sollen wiedervernässt werden. Trockenes Moor lässt CO2 entweichen, die Landwirtschaft hat einen Anteil am Ausstoß von Klimagasen von 7%. Das was über Generationen an Wissen und Verständnis über die Landwirtschaft im Moor entwickelt wurde, soll nun nicht mehr zur Anwendung kommen. Das ist für die Landwirte hier nur schwer verständlich und bringt viele Existenzängste mit sich. Es muss ein Gefühl sein, als ob plötzlich schwarz und weiß oder Plus und Minus vertauscht werden. Aber auch dieser Herausforderung werden sich die Landwirte stellen und einen Weg finden. All diesen Landwirtsfamilien, die sich gezwungenermaßen auf den Weg machen, um Alternativen zu finden, möchte ich hier auch meinen Dank aussprechen.
Es ist eine Gesellschaftsaufgabe sich dem Klimawandel zu stellen und nicht die Aufgabe einer Berufsgruppe, wie es einige Parteien gerne sehen. Schlagwort „Agrarwende“.
Die Landwirtschaft war von jeher einer stetigen Wandlung unterzogen. Heute gibt es vermehrt Betriebe, mit größerer Flächenausstattung und Vieheinheiten. Hierfür gibt es verschiedene Gründe, wie z. B. nötige Produktivitätssteigerung pro Arbeitskraft. Wir leben in einem Industrieland und benötigen einen vergleichbaren Stundenlohn, um mit der restlichen Gesellschaft mithalten zu können. Noch vor 100 Jahren ernährte ein Landwirt 4 Menschen, heute ernährt ein Landwirt schon 145 Menschen.
Oftmals wird diese Entwicklung sehr kritisch gesehen. Seit 1990 bis 2016 hat sich die Anzahl der Betrieb halbiert, das macht schon betroffen. Gründe dafür sind sehr vielfältig: kein Hofnachfolger, hohe Investitionen, Bürokratieflut, usw. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen bleiben in der Produktion, auch wenn so manch ein Betrieb mit der Bewirtschaftung aufhört.
Ein Zurück in der Produktion von Nahrungsmittel wird es nicht geben-keiner will mit der Hand melken, keiner will mit der Pferd pflügen.
Die gute alte Zeit, früher war alles besser, gab es nie.
Wenn man heute auf die Höfe schaut ist einiges besser als vor Jahrzehnten.
Den Tieren und Menschen geht es in fast offenen oder klimatisierte Ställen besser. Wie war es denn in der alten guten Zeit? Im Winter standen die Kühe angebunden im dunklen Stall und im Sommer auf der Weide in der Sonne. Im Schweinestall, wo man nur unter Schmerzen einatmen konnte, vor lauter Ammoniak. Die Anzahl der Tiere pro Betrieb waren natürlich geringer. Aber ging es den Tieren dadurch besser? Selbst Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen, sagte neulich im Interview, gute Haltungsbedingungen haben nichts mit der Anzahl der Tiere pro Betrieb zu tun.
Wir Landwirte müssen auf uns aufmerksam machen und nicht unseren Kritikern das Feld überlassen.

Wir Landwirte in Osterholz sind auf dem Weg unsere eigenen PR-Kampanien zu gestalten, gemeinsam mit anderen Landwirten aus Niedersachsen.
Echt Grün- unsere Landwirte ist ein Zusammenschluss der Bauern.
Es werden Kampanien in Städten inszeniert: Plakataktion auf Bussen und Bahnen, Kinowerbespots, Facebook und andere Medien, Messen in der Region, Hanse Life –eine ganze Halle, Publika usw.
Die Landwirtschaft hat Zukunft, immer mehr junge Menschen lernen den Beruf Landwirt, oft auch ohne landwirtschaftlichen Hintergrund.
Das Arbeiten in der Natur, mit Tieren und Technik zieht junge Menschen an, hier machen sich auf den Höfen neue Tätigungsfelder auf. Herdenmanager, Feldwirtschaft, Reproduktion usw.
Die Landwirtschaft der Zukunft wird noch ressourcenschonender wirtschaften, mit immer besseren Erträgen, um einer wachsenden Weltbevölkerung zu ernähren.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen noch ein fröhliches und erfolgreiches Erntefest und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.